Mara Winter
Tschüsschen!
Im Alter von achtundzwanzig Jahren war Charlotte noch immer eine erfolglose Schauspielerin. Trotz ihrer abgeschlossenen Ausbildung und dem Eintritt in eine anerkannte Schauspielagentur hatte sie bis jetzt keine nennenswerte Rolle ergattern können. Ihren intellektuellen Freunden erklärte sie großspurig, lieber ihrem Traumjob nachzugehen und nebenbei zu kellnern, anstatt sich die materielle Sicherheit mit acht Stunden Langeweile pro Tag zu erkaufen. Den Eltern ging sie aus dem Weg.

An freien Tagen saß sie stundenlang vor dem Computer und durchforstete alle Seiten, die die Suchmaschinen zu »Casting«, »Rollenangebote«, »Schauspielerin gesucht« oder »Filmforum« ausspuckten. Viel war es nicht. Immerhin hatte sie durch diese Methode in einigen Kurzfilmen gespielt und idealistische Kunststudenten sowie desillusionierte Regisseure zuhauf kennen gelernt.

Das aktuelle Angebot schien sich von den bisherigen Projekten geringfügig zu unterscheiden. Der Regisseur war über vierzig und hatte eine beeindruckende Vita vorzuweisen, das Drehbuch klang, obgleich es sich um Horror handelte, interessant und intelligent geschrieben. Ein Blick auf den leeren Terminkalender überzeugte Charlotte, dass sie am genannten Wochenende Zeit haben würde, und sie tippte ihre Antwort in das Emailformular.

Dann steckte sie sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück. »Verdammt, was musst du so viel rauchen«, schimpfte sie sich selbst und fühlte gleichzeitig, wie ihre Laune stieg. Noch eine Woche, und vielleicht würde dieser Arthousefilm endlich Erfolg bescheren.

Sechs Tage später stieg Charlotte aus einem luxuriösen ICE (»Fahrtkosten werden selbstverständlich übernommen«) und sah sich auf dem Bahnsteig um. Es war kühl, aber sonnig, und sie löste das Samtband aus ihrem Haar und schüttelte die dunklen Locken, um den Wiedererkennungswert nach ihren Fotos zu erhöhen.

Ihre Tasche war schwer, und so blieb sie stehen und kramte nach dem Zettel mit der Handynummer. Beim Tippen sah sie zwei Männer auf sich zueilen. Der Kopf des rechten war kahlrasiert und schien direkt in die Schultern überzugehen, der andere wirkte befremdlich jung und grinste leicht dämlich. Charlotte erschrak. Das konnte doch nicht die Crew sein?

Alexandra Mazar
Nachtkrabb
Es war einmal ein kleines Mädchen, nicht besonders klug, nicht besonders hübsch und nicht besonders nett. Es wuchs bei seinem Großvater auf, in einem kalten, zugigen und winzigen Siedlungshäuschen. Das Dach lief so spitz zu, dass man es dazu verwenden konnte, ein Loch in ein Hühnerei zu stechen, damit die Schale beim Kochen nicht aufplatzte. Nur wenn man keine Nadel zur Hand hätte, erklärte der Großvater lächelnd und kniff dabei die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als würde ihm die morgendliche Sonne direkt in die Augen scheinen. Klara, so hieß das kleine Mädchen, kannte diesen Ausdruck. Es war das Lügengesicht oder das Geschichtengesicht oder das komische Gesicht. Die Konturen von Mund, Nase und Augen zogen sich nach oben und schienen in den grauen Regenwolken zu verschwinden, die sich am Herbsthimmel bedrohlich zusammenzogen und Klara etwas Angst machten. Schatten strömten durch das offene Fenster ins Zimmer und legten sich für einen kurzen Moment über den alten Mann. »Opa, was ist denn los? Habe ich etwas falsch gemacht?« Das junge Mädchen wollte ihren Großvater unter keinen Umständen verärgern. Dieser winkte ab und brummte: »Ich gehe in meine Werkstatt und möchte nicht gestört werden.« Dann schob er seinen hageren Körper langsam und bedächtig durch die Tür und verschwand, ohne ein Geräusch zu verursachen, nach draußen. Klara blickte ihm hinterher, ihr Herz trabte ein klein wenig zu schnell und die bekannte Angst kroch kalt und unangenehm über ihre Beine nach oben. Klaras Leben war ein wiederkehrendes Fallen in eine Lüge oder Geschichte mit einem bösen Ende, lauernd wie ein gefährliches Tier, bereit, sie zu packen. Ich bin elf Jahre alt, murmelte sie unablässig, und der warme Klang ihrer Stimme trieb die kalten Schleier zurück in die Düsterkeit dieses kalten Oktobernachmittags.

Klara lebte alleine bei ihrem Großvater. Sie besaß keine Erinnerung an ihre Eltern oder ihre Großmutter. Alexander, ihr Großvater, hatte ihr die Geschichte erzählt. Wie fast jeden Abend saßen beide vor dem offenen Kamin, blickten ins Feuer und er schenkte dem Mädchen seine Erinnerungen. Klara durfte jede Frage stellen, die ihr in den Sinn kam, nur nicht die Frage, was jeden Nachmittag in der Werkstatt geschah. Der Geruch des brennenden Holzes schläferte Klara ein. »Erzähl mir von Mama und Papa.« Sie zog die Decke bis zu ihrem Kinn und sah ihren Großvater erwartungsvoll an. Alexander schwieg lange Zeit, er atmete ruhig, sein Brustkorb hob und senkte sich. Das flackernde Licht der Flammen spielte mit dem Ausdruck seines Gesichtes und gab seiner scharf geschnittenen Nase, dem kantigen Kinn und den buschigen Augenbrauen etwas Dämonisches.

»Großvater?« Klara wurde ungeduldig.

»Deine Mutter war eine schöne Frau. Du siehst aus wie sie mit deinen dunklen Haaren und den hellen Augen.« Er warf Klara einen Blick zu und schien zufrieden, als er ihr Lächeln sah.

»Und Papa? Wie war er? So wie du?«

»Dein Vater, mein Sohn, war ein großer, starker Mann wie ein Baum. Für ihn gab es nur dich und deine Mutter. Er hat euch sehr geliebt.«

»Warum gibt es keine Bilder von ihnen? Und auch keine von Großmutter?«

Alexanders Stimme veränderte sich unmerklich. Eine gewisse Kälte nistete sich ein. Klara bemerkte die Veränderung sofort, doch sie wollte Antworten auf ihre Fragen.

»Bilder gaukeln uns etwas vor, was nicht mehr ist. Sie sind eine große Lüge, ein Lidschlag, ein winziger Moment, eingefroren.« Dann drehte er sich zu Klara um und packte ihr Handgelenk. »Versprich mir, dass du dich nicht fotografieren lässt, versprich es mir!«

»Aua, Großvater. Du tust mir weh!« Klara riss ihren Arm aus seiner Umklammerung und strich über die roten Male, die seine Finger auf ihrer zarten Mädchenhaut hinterlassen hatten. Ihr war zum Weinen zumute; sie fühlte sich von Alexander betrogen, spürte, dass er ihr nicht die Wahrheit sagte, etwas vor ihr verbarg.

»Bist du nicht glücklich hier? Hast du nicht alles, was du brauchst?«

»Ich bin glücklich, Großvater, nur hätte ich so gerne eine Freundin, die mich besucht, die am Wochenende bei mir schläft. Wie es die anderen Mädchen in meiner Klasse mit ihren Freundinnen tun.«

Alexander schwieg und legte ein neues Holzscheit auf die Glut. Augenblicklich loderte das Feuer auf.

»Du kannst jederzeit ein Mädchen besuchen oder sie mit zu uns bringen, wenn du möchtest. Du darfst nur niemals, und das meine ich genau so, niemals bei Dunkelheit im Freien sein!«

Klara legte ihren Kopf schief, sie war glücklich. In ihre Klasse war mitten im Schuljahr ein neues Mädchen gekommen, Anna. Klara hatte alleine am Tisch in der Klasse gesessen, neben ihr mochte keiner sitzen, zu seltsam war sie, zu ungewöhnlich. Doch Anna hatte kein Problem mit Klara und die Mädchen freundeten sich an.

»Ich habe jetzt eine Freundin, Großvater. Sie heißt Anna und hat auch so dunkle Haare wie ich.«

»Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe, Klara? Der Nachtkrabb holt dich, wenn du nicht aufpasst, und dann bist du verloren.«

Julia Dest
Kreislaufprobleme
Stella
Als Stella erwachte, fehlte ihr jegliche Erinnerung. Weder wusste sie, wer sie war, noch wo sie sich befand. Sie fühlte sich ausgelaugt und hungrig. Sie blinzelte. Um sie herum war grelles Licht, das ihre Augen blendete, und so kniff sie die Lider zum Schutz fest zusammen.
Vorsichtig versuchte sie, sich zu bewegen. Es fiel ihr schwer, denn ihre Glieder schmerzten, ihre Muskeln brannten, ihr ganzer Körper war völlig geschunden. Der Versuch sich aufzurichten oder eine Hand vor die Augen zu heben, um sie vor dem gleißenden Licht zu schützen, misslang.

Was war geschehen? Ein Unfall, bestimmt ein Unfall. Vermutlich war sie von Kopf bis Fuß eingegipst. Das würde erklären, weshalb sie sich außerstande fühlte, sich zu bewegen. Warum alles schmerzte.
Bilder huschten durch ihre Gedanken. Tageslicht, Sonne, eine angenehme Wärme. Das Frühjahr? Dieser unbeschreibliche Duft nach Blüten und Rasen und Klee. Spielende Kinder, die sie anlachten, eine Katze, die ihr um die Beine strich, ein pfeifender Wasserkessel, eine rasante Fahrt über Serpentinen. Für ihren Verstand kaum zu fassen, hüpften weitere Momente und Situationen durch ihren Kopf. Erinnerungen an Dinge, die sie kannte. Das meiste davon kam ihr absurd vor.

Sie versuchte erneut ihren Arm anzuheben, um ihre Hand vor die Augen zu halten, keine Chance. Ihre Arme waren so schwer und sie selbst viel zu erschöpft, um noch einen Versuch zu wagen.
Unbändige Angst überkam sie von einem Moment zum anderen. Sie begann zu schreien. Sie brüllte, zitterte, fühlte ein Stechen und Ziehen im Magen, Krämpfe im Darm. Die Todesangst, die sie verspürte, ließ sie alles herausschreien. Als ihre Stimme versagte, verfiel sie in jämmerliches Wimmern. Durch ihre Tränen sah sie, wie sich ein riesiger Schatten näherte, um sich dann langsam über sie zu beugen. Sie versuchte zu blinzeln und erkannte, dass es ein Mensch sein musste, riesengroß! Ein Mensch? Sie hatte den Verstand verloren, so viel war klar. Ihre Körperbeherrschung und ihren Verstand.

Carola Leipert
Alte Gewohnheiten
Herr Ludwig war, wie es so schön im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet wird, ein älterer Herr im wohlverdienten Ruhestand.
Sein ganzes Arbeitsleben hatte er bei Wiefenhardt & Söhne verbracht, wo er seit seiner Ausbildung treu ergeben mit strenger und genauer Hand die Buchhaltung des Unternehmens geführt hatte.
Man kann nicht sagen, dass er sich freute, als der letzte Tag in der Firma bevorstand. Nein, er hatte eher stumm gelitten, war mürrisch aus dem Haus gegangen und hatte es nur mit Mühe geschafft, ein höfliches Lächeln auf den Lippen zu tragen, während Herr Wiefenhardt senior ihm zum Dank für seine Treue und Loyalität die Hände schüttelte und ihm anschließend einen riesigen Präsentkorb überreichte.
Auch Frau Ludwig litt stumm, jedoch aus anderen Beweggründen. Sie wusste, nun waren ihre freien Tage gezählt. Es würde keine stundenlangen Kaffeekränzchen mit Nachbarin Mechthild mehr geben, denn ihr Mann hasste die hohe, flötende Stimme, die dann durchs ganze Haus schallte und ihm Kopfschmerzen bereitete. Es würde kein Brunch um elf Uhr morgens mit Freundin Uta mehr möglich sein, denn wenn Herr Ludwig zu Hause war, erwartete er das Mittagessen pünktlich um zwölf Uhr auf dem Tisch. Auch Spaziergänge im Park und Einkaufsbummel in der Stadt waren ab jetzt wohl passé, denn Herr Ludwig hasste es, spazieren zu gehen; die Unordnung auf den Straßen und in den Gärten machte ihn ganz verrückt.
Und so kam es, dass der große Tag, der für so viele wie ein Tag der Befreiung erscheint, für dieses Ehepaar ein Trauertag wurde.

Herbert Arp
Stummes Vermächtnis
Paul musste blinzeln, als die Blitzlichter der Pressefotografen die Szene auf dem Tablet in ein irritierendes Feuerwerk verwandelten. Der begleitende Applaus wirkte wie verzerrter Donner und Paul hatte Schwierigkeiten, sich auf den Mann zu konzentrieren, der dort im Mittelpunkt stand. »Da ist Opa!«, sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Anna packte gerade die Tasche für den Ausflug ins Schwimmbad und seufzte leise, bevor sie antwortete: »Ja, Schatz, der Mann mit dem Bart.« Paul starrte seinen Großvater an. Er fühlte eine unbestimmte Verbundenheit zu ihm, obwohl er sich kaum an ihn erinnern konnte. »Wie hieß er nochmal, Mama?«, fragte er vor sich hin. Anna seufzte wieder und legte ihre Stirn in Falten. Sie atmete tief durch und versuchte, möglichst ruhig zu antworten. Den angespannten Ton ihrer Stimme bemerkte Paul nicht, als sie sagte: »Professor Gustav Brenkenhoff. Aber das habe ich dir doch schon hundert Mal gesagt.« Ohne eine Antwort ihres Sohnes abzuwarten, fügte sie hinzu: »Und jetzt mach das Video aus, wir wollen los.«

Jetzt lass ihn doch seinen Großvater bewundern.

Paul stand nur langsam auf, immer noch den Blick auf das Tablet gerichtet. »Gleich, Mama!«, sagte er, bewegte sich aber irgendwie in ihre Richtung. Vermutlich zeigte er damit, dass er sie gehört hatte. Dennoch wollte er das Video bis zum Ende anschauen. Es faszinierte ihn immer wieder. »Gleich, gleich!«, sagte Anna verärgert und nahm Paul das Gerät aus der Hand. »Das sagst du immer und dann dauert es noch Stunden!« Sie legte das Tablet auf die Kommode im Flur und hob die gepackte Schwimmtasche auf. »Wir gehen schließlich wegen dir schwimmen, da erwarte ich schon mehr Hilfe.« Paul schaute seine Mutter an und schien darüber nachzudenken. Schließlich fragte er: »Kommt Papa mit?« Anna schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein. Du weißt doch, dass Papa gerade an etwas sehr Wichtigem arbeitet und dafür seine Ruhe braucht.« Nun seufzte Paul und ließ dabei seine Schultern hängen: »Aber du bist langweilig, willst immer nur rumsitzen. Papa kann viel besser spielen als du!«

Du verhätschelter Bengel. Zu meiner Zeit wärst du damit nicht durchgekommen.

Georg Adamah
Female (Night)Shift
Als ich wieder zu Bewusstsein kam, konnte ich mich im ersten Moment nicht erinnern, wo ich war und wie ich hierhergekommen war. Die Luft roch nach Moder. Es war kalt und dunkel. Plötzlich flammte gleißendes Licht auf. Reflexartig wandte ich den Kopf zur Seite. Dann die Stimme einer Frau.

»Ihr Name?«

»Was soll das? Warum bin ich hier?«

»Ihr Name!«, wiederholte die Stimme mitleidlos. Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Sie hatten mich in Untersuchungshaft nehmen wollen. Ich hatte mich gewehrt.

»Was wird mir vorgeworfen? Ich möchte mit einem Anwalt sprechen.«

»Zuerst Ihre Personalien. Über alles andere reden wir danach. Also? Sie heißen?«

»Als ob Sie das nicht wüssten«, schnaubte ich.

»Wenn Sie nicht kooperieren, behalten wir Sie auf jeden Fall hier. Ich dachte, Sie wollten nach Hause.«

Ich seufzte.

»Adamah. George Adamah junior.«

»Geboren?«

»Offensichtlich …«, knurrte ich mit einem süffisanten Grinsen.

Warum nur? Warum beantwortete ich nicht einfach ihre Fragen? Warum spielte ich nicht einfach mit? Es war immer das Gleiche. Ich konnte es nicht lassen, Bullen zu provozieren. Irgendetwas zwang mich …, ja, es war ein Zwang, irgendetwas ließ mir keine Wahl, ich musste es einfach tun, ich musste diese aufgeblasenen arroganten Staatsschergen bei jeder sich bietenden Gelegenheit provozieren. Wenn ich mich dabei in einer vorteilhaften Position befand, konnte das ja durchaus lustig sein. Aber jetzt war es eigentlich keine gute Idee. Ich hätte es lassen sollen.

Im nächsten Moment drang der Schmerz wie ein blankgewienertes Fleischermesser in meinen Rücken. Ich schrie auf. Mein Kopf wurde an den Haaren nach hinten gerissen. Ich spürte ihren warmen Atem über meiner Wange. Der Elektroschocker in ihrer Hand knisterte.

»Paragraph 428 2a Polizeiaufgabenvervollkommnungsgesetz. Wenn Sie nicht mitarbeiten, bin ich befugt, Beugemittel einzusetzen, um Ihre Kooperationsbereitschaft notfalls zu erzwingen.«

Ich krümmte mich. Ein Stich durchfuhr meinen Oberarm. Meine Schulter brannte wie Feuer.

»Hören Sie auf«, winselte ich. »Ich kooperiere.«

»Na prima.« Die Stimme wurde weicher. »Also: Ihr Name ist George Adamah junior.«

Ich nickte und stöhnte ein schwaches Ja. Nicht noch einen dieser Stromstöße.

»Adamah, … Sind Sie verwandt mit diesem Schriftsteller?«

»Er war mein Großvater.«

»Der war Ihr Großvater? Der mit Barcelona Snuff Project?«

»Nein. Das war Colja Nowak. Mein Großvater hat Liliths Töchter, Adams Söhne geschrieben.«

»Stimmt. Ich verwechsle die beiden immer. Keine Ahnung wieso. Liliths Töchter, Adams Söhne also? Das soll ein ziemlich missratenes Stück Macholiteratur sein. Eindeutig subversive Haltung des Autors. Durch psychologisch-hermeneutische Inhaltsanalysen seit über zwanzig Jahren belegt. Haben Sie das Buch gelesen?«

»Sie wissen so gut wie ich, dass es verboten ist. Natürlich habe ich es nicht gelesen.«

»Machismus kann auch genetisch übertragen werden. Wann haben Sie Ihren letzten Persönlichkeitsentwicklungstest gemacht?«

»Würden Sie mir bitte zuerst sagen, warum ich eigentlich hier bin?«

»Ich stelle hier die Fragen, Junge.«

Sie trat neben die Lampe. Ich sah ihre Silhouette. Sie war schlank und hatte glattes Haar, das bis über ihre Schultern reichte. Braun, vielleicht auch blond. Das Licht blendete. Ich fürchtete einen weiteren Stromschlag und zuckte zusammen.

»Vor zwei Jahren, glaub ich.«

»Wo sind die Testergebnisse?«

»Hab ich jetzt nicht dabei.«

»Sie wissen, dass Sie als Mann verpflichtet sind, die Persönlichkeitsentwicklungstestbescheinigung jederzeit bei sich zu tragen.«

Ich lächelte nervös.

»Ja, ich weiß, aber ich hab sie nicht dabei. Wollen Sie mich jetzt deswegen verknacken?«

»Wie war der Befund?«

»Unauffällig.«

»Unauffällig?«

Sie lächelte überheblich.

»Hören Sie. Warum sagen Sie mir nicht einfach, worum es geht?«

»Alles zu seiner Zeit.«

Sie drehte sich um.

»Frank, kannst Du das mit dem Persönlichkeitsentwicklungstest mal checken?«

Aus einer Ecke des Zimmers wuchs ein Schatten. Eine Tür öffnete sich, Licht glitt durch den Spalt herein. Dann verdunkelte der Schatten die Türöffnung und das Licht verschwand. Die Frau wandte sich wieder mir zu.

»Ihr Geburtsdatum?«

»30. Juni 2022. Würden Sie mir jetzt endlich sagen, was gegen mich vorliegt?«

Alexander Kühl
Lisa
Mit ganzer Kraft trat Georg Kramer in die Pedale. Über die Kopfhörer seines MP3-Players drangen harte Metal Töne in seine Ohren. Die Autos, die an ihm auf der Landstraße vorbeirasten, hörte er nicht. Der kalte Wind presste sich in sein Gesicht, doch er war in Gedanken an seinen letzten Traum versunken. Letzte Nacht hatte er von seiner Frau Franziska geträumt. Sie hatte gelächelt und ihm gesagt, dass sie ihn liebe.

Seit er aufgewacht war, fühlte er sich einsam. Er wusste, dass das, was er sich wünschte und was ihn glücklich machen würde, nur ein Traum und unerreichbar war. Seine Beine hatten plötzlich keine Kraft mehr und es strengte ihn sehr an, sein Fahrrad auf Kurs zu halten. Er konnte sich nicht erklären, wie es soweit hatte kommen können. Er war verheiratet mit einer attraktiven und klugen Frau, die ihn nicht mehr liebte. Sie war eine anerkannte Biomolekularchemikerin, und er nur ein Phantast. Ein Träumer, der sich mit Kurzgeschichten in Tageszeitungen über Wasser hielt. Sie hatte ein langjähriges Studium hinter sich und er war froh, wenn der Unterricht vorbei war. Ihre Welt war klar strukturiert, alles erklärte sich in biochemischen Prozessen und er war ein Chaot mit der Auffassung, dass es einfach mehr geben musste als das. Georg hatte die Vermutung, dass sie das, was sie am Anfang ihrer Beziehung als spannend empfunden hatte, nun abstoßend fand. Dennoch liebte er Franziska, auch wenn diese Empfindung eine Einbahnstraße war. Georg war wie in einem Hamsterrad gefangen, in dem er aussichtslosen Sehnsüchten hinterherrannte.  Manchmal dachte Georg, dass er bereits tot und in der Hölle gelandet war, weil all seine Liebesbemühungen und all sein Kampf mit Zorn und Verachtung beantwortet wurden. Er war ein Untoter. Ein verlorener Mann. In den Augen seiner Frau war er eine Null, ein Träumer und ein Waschlappen. Franziska ließ keine Situation und Möglichkeit aus, ihn zu demütigen. Die Musik hämmerte durch die Kopfhörer in seine Ohren, sodass er nicht den Bus bemerkte, der hinter ihm fuhr, als er ohne den linken Arm auszustrecken mit dem Fahrrad schwungvoll an der Kreuzung abbog. Georg spürte keinen Schmerz, als das Fahrzeug ihn erfasste und einige Meter mit sich schleifte. Auch die Bässe und harten Gitarrenriffs waren verstummt. Es war kalt und dunkel.